Manche Dinge lernt man auf die harte Tour. Lesen Sie, warum die Mobiliar unfreiwillig nach Argentinien expandierte und eine Liebesaffäre den Mitarbeiterbestand erhöhte.
April 1874, ein Dampfer im Atlantik. Theodor Baumgartner (32) aus Nidau und bis vor Kurzem Direktionssekretär der Mobiliar in Bern, steht auf dem Deck der ersten Klasse. «Gestatten, Albert Müller aus St. Gallen», stellt er sich einem Mitreisenden vor. Wenige Tage ist es her, dass er seine Arbeitgeberin um 50'000 Franken in Wertpapieren erleichtert hat, eine halbe Million nach heutigem Wert. Er ist zur Fahndung ausgeschrieben. Sein Ziel: Buenos Aires.
Ein fleissiger Angestellter, ein Gentleman sei er gewesen, berichtet das Intelligenzblatt der Stadt Bern im Juli 1875. Einer, der mit Gattin und Kindern ein sorgloses Leben hätte führen können. Aber eine andere Frau habe ihn vom rechten Weg abgebracht, sie wünschte sich mit ihm einen Neuanfang in Argentinien. Ein Basler Auswanderungsagent bereitet alles vor. Als der Vorgesetzte erkrankt, verschafft sich Baumgartner Zugang zum Wertschriftenschrank. Familie und Firma täuscht er eine Geschäftsreise in die Innerschweiz vor. Unter falschem Namen fährt er mit dem Zug nach Genf. Die Geliebte verspätet sich, will nachkommen. Er reist weiter und besteigt in Marseille das Schiff. Daheim fliegt der Coup auf.
Theodor Baumgartner wird in Abwesenheit zu vier Jahren Gefängnis und zur Rückerstattung des Geldes verurteilt. Aus Argentinien schreibt er, er werde alles wiedergutmachen. Was wird aus ihm und dem verhinderten Liebespaar? Für die Mobiliar geht die Geschichte glimpflich aus. Die Hälfte der gestohlenen Wertschriften kommt wieder in ihren Besitz. Als Lehre aus der Angelegenheit ernennt sie – als neunte Stelle in der Berner Zentralverwaltung – einen Kassier.
(Erstmals erschienen im Apropos 1/2020, dem Magazin für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Mobiliar)