Am 22. November 2024 wird Otto Saxer in Bern für das 200-Jahr-Jubiläum interviewt: Kameras sind auf ihn gerichtet, Scheinwerfer rücken ihn ins richtige Licht. Er erzählt munter eine Stunde lang und sagt zum Schluss: «Ich hoffe, ich habe mich jetzt nicht zu wichtig gemacht.» Am Karfreitag 2025 stirbt Otto Saxer 101-jährig.
«Als die Kartelle fielen, wollte die Mobiliar wie alle anderen auch Allbranchenversicherer werden. Als traditioneller Sachversicherer standen wir vor der Frage, in welcher Reihenfolge wir vorgehen sollten. Wir fragten deshalb unsere Generalagenten, welche Sparte sich am leichtesten bearbeiten lässt. Die Antwort war eindeutig: das Auto. Es gäbe schon Klienten, die nur darauf warteten. Trotz unseres Firmennamens, den wir auf keinen Fall ändern wollten, begannen wir damit, die obligatorische Autohaftpflichtversicherung anzubieten. Ich erinnere mich, wie ich später in den Ferien im Engadin ein Generalagentenauto sah, darauf ein Kleber mit der Aufschrift ‹Die Mobiliar ist jetzt auch Autoversicherer›. Kein genialer Slogan, aber eine klare Ansage. Meine Freude war gross, dass wir es geschafft hatten. Vor allem auch, weil wir uns gegen die bestehenden Autoversicherer wie die Zürich, die Winterthur und die Baloise durchgesetzt hatten.»
«Die Providentia in Genf war eine Pionierin: Nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet, lancierte sie Risikolebensversicherungen und war damit sehr erfolgreich. Die Mobiliar beteiligte sich an der Aktiengesellschaft wie andere auch. Unserem Ziel, die Mobiliar vom Sach- zum Vollversicherer zu machen, wären wir mit einer Übernahme der Providentia sehr viel näher gekommen. Aber uns stand die Helvetia im Weg, die das gleiche Ziel wie wir verfolgte. Ihre Minderheitsbeteiligung war nicht grösser als unsere, aber sie hatte mehr Einfluss. Was habe ich also gemacht? Ich ging auf Reisen, besuchte Familien und Versicherungen, die kleine und kleinste Aktienpakete der Providentia hielten. Ich redete, argumentierte, erklärte und überzeugte. In Turin kostete mich das ein sehr teures Mittagessen, aber der Aufwand lohnte sich, unser Aktienanteil wurde immer grösser. Zum Schluss kam Glück dazu: Die Helvetia erwarb die Patria in Basel, auch eine Lebensversicherung. So konnte ich erfolgreich auf den Mitbewerber einwirken, und er überliess uns zuletzt seine Anteile.»
«Ich war 38 Jahre alt, als ich 1963 zur Mobiliar kam und mein Büro neben der Schadenabteilung bezog. Ich begriff schnell, wie grosszügig und rasch die Fälle bearbeitet wurden. Die Schadenbearbeitenden waren offen, ehrlich und solidarisch, niemand versuchte, mit den Geschädigten zu handeln. Alle waren stolz, nach der Maxime ‹Wir erfüllen unsere Pflicht, wir tun damit etwas Sinnvolles› zu handeln. Sie brachte kurz und knapp auf den Punkt, was die Mobiliar war: ‹Bekannt als kulant!› Ein zu guter Spruch, um nur intern verwendet zu werden. Also hängte man den Slogan in die Schaufenster der Generalagenturen und platzierte da und dort eine Werbebande neben dem Fussballplatz. Beste Reklame, minimale Kosten – perfekt für die Mobiliar. Als ich Generaldirektor wurde, sorgte ich persönlich dafür, dass die Werbung in diesem gelungenen Stil fortgeführt wurde. Ich war in den 1970er-Jahren sogar beim Dreh der Fernsehspots dabei und mischte mich ein, bis ein Werbeexperte zu mir sagte: ‹Herr Saxer, wir machen die Werbung nicht für Sie.›»
«Kaum war ich Generaldirektor, kamen wir in Köniz zu 30 000 Quadratmetern Bauland. Mein Sekretär brachte mir den Scheck über 15 Millionen Franken für den Kauf. Daraufhin meinte ich zu meiner Frau: ‹Hauen wir ab?› Sie fand den Scherz nicht so lustig. Zum damaligen Berner Stadtpräsidenten Tschäppät aber sagte ich: ‹Reynold, die Mobiliar baut neu. In Köniz haben wir Land. Wir würden aber lieber in Bern bleiben. Du kannst wählen, wo wir Steuern zahlen.› Tschäppät war bekannt für das Zitat ‹Bern ist die schönste Stadt der Welt. Ich weiss, dass das jeder Stadtpräsident von seiner Stadt behauptet. Der Unterschied ist nur: In Bern stimmt es.› Ich argumentierte: ‹Die Bundesgasse ist die Champs-Élysées von Bern. Doch an ihrem Ende steht ein Pissoir.› Er sah ein, dass ein neuer Mobiliar Hauptsitz der bessere architektonische Abschluss wäre. Man bot uns das Land im Baurecht, wir aber wollten kaufen. Letztlich kam der Handel zustande, als wir der Stadt unseren alten Hauptsitz an der Schwanengasse anboten. So entstand der Bau an der Bundesgasse.»
«Unser neuer Hauptsitz an der Bundesgasse sollte mit ‹Kunst am Bau› versehen werden. Wir fragten zehn Künstlerinnen und Künstler an, die uns am Tag X ihre Ideen präsentierten. Ich schicke voraus: Im Berufsleben habe ich stets das Prinzip verfolgt, Entscheidungen zu überschlafen. Man trifft in der Regel die bessere Wahl. Doch es gibt Ausnahmen. An dem Tag, als wir ein Kunstwerk wählen sollten, entschied ich mich sofort für die roten geschwungenen Stahlrohre. Der Künstler Ueli Berger erläuterte das Zusammenspiel von roten Geranien, die zur Farbe inspiriert hatten, und grauem Sandstein, die beide zum Stadtbild von Bern gehören. Grossartig! Die 16 Meter hohen Rohre brechen die strenge Gebäudeform, wechseln den Farbton und vermitteln je nach Standpunkt eine andere Aussage. Bald schon schickte mir ein empörter Mensch einen Brief und drohte, die Police zu kündigen, falls wir das grässliche Ding nicht sofort entfernen würden. Auch in dieser Frage musste ich die Entscheidung nicht überschlafen. Bis heute bin ich stolz darauf, dass dieses Werk vor dem Hauptsitz steht.»